(Ein innerer Dialog)
Manchmal taucht mitten im Alltag ein Satz auf, der tief trifft.
Bei mir war es dieser:
„Es wird nie reichen, egal was ich leiste.“
Was danach geschah, hat mich tief berührt.
An diesem Morgen sitze ich mit meinem Frühstück auf der Terrasse und schaue zum Meer. Seit meiner Ankunft in Zypern verändert sich etwas in mir. Ich kann es noch nicht benennen, nur spüren: Ich soll hier erst einmal bleiben.
Ich reflektiere mich selbst. Mein Leben. Die vielen Erfolge, Abschlüsse, Anstrengungen, Umsätze und den Applaus, den ich erhalten habe. Soll es eigentlich immer so weitergehen?
Und plötzlich, wie aus dem Nichts, taucht ein Satz in mir auf:
„Was, wenn mein Buch wirklich entsteht – und auch noch erfolgreich wird?“
Und da ist er, dieser Gedanke:
„Es wird nie reichen, egal was ich tue.“
Egal welche Errungenschaften, höher, schneller, weiter – es wird nie reichen. Ich komme nicht an. Kann ich mich denn nie ausruhen?
Ich fange an zu weinen. Nein, zu schluchzen. Eine große Trauerwelle übermannt mich und will mich mitreißen. Ich muss atmen, um oben zu bleiben und nicht mit dieser Welle unterzugehen. Ich stehe auf, verlasse die Terrasse und gehe ins Wohnzimmer aufs Sofa.
Hier kann ich ungestört sein, belästige niemanden und schäme mich weniger, wenn ich als Mann weine. Ich atme und heule wie ein Schlosshund und gebe mein Bestes, auch noch zu fühlen.
Gedanken schießen durch meinen Kopf:
Was, wenn ich nirgendwo ankommen kann? Wo soll ich hin? Was soll ich überhaupt tun?
Da ist Angst. Und eine große Leere.
Dann wird es langsam still in mir. Ich spüre Resignation, die aber irgendwie nicht ganz meine ist. Ich sitze noch auf dem Sofa, als ich plötzlich neben mir mein inneres Kind spüre. Acht Jahre alt, starr, unbeweglich, der Blick geradeaus. Es sitzt direkt neben mir.
Kein Kontakt. Nur Erstarrung.
Ich nehme genau wahr, was sich dieser Junge so sehr wünscht. Er wünscht sich, zu mir zu kommen, einfach im Arm gehalten und gesehen zu werden. Die Sehnsucht nach körperlicher Nähe ist so groß spürbar. Aber da ist eine Blockade, die es nicht möglich macht. Und das kenne ich so gut.
Wie habe ich mich als Kind nach meinem Vater gesehnt. Dass ich ihn spüren und berühren kann, dass er mich sieht, wie ich bin – und es ging nicht. Obwohl er da war, ganz real, aber er war nicht erreichbar.
Ich bleibe einfach sitzen und fühle, ohne etwas verändern zu wollen. Ich nehme so viel Mitgefühl wahr und erinnere mich daran, wie sehr ich darauf aus war, dass mein Vater mich lobt: „Junge, du bist toll. Ich sehe dich. Du machst das prima.“ Oder einfach: „Ich liebe dich.“
Das hat er nie gesagt, erinnere ich mich. Niemals.
Ich hatte immer das Gefühl, nicht zu genügen. Ich konnte machen, was ich wollte – meinem Vater genüge ich nicht.
Die Trauerwelle kommt wieder hoch. Ich bleibe einfach sitzen. Neben mir mein achtjähriges Ich, immer noch in Starre. Doch jetzt verändert sich etwas, ganz leicht, kaum spürbar. Es ist, als ob er sich langsam, ganz vorsichtig bei mir ankuschelt. So vorsichtig, aber spürbar. Sein Blick ist weiter geradeaus, kein Augenkontakt, aber ich spüre ihn. Diese Sehnsucht dieses Jungen nach väterlicher Liebe und Nähe.
Ich bewege mich nicht, bleibe sitzen und nehme einfach nur wahr, was in diesem Moment passiert. Es fühlt sich so an, als ob sich seine Starre etwas löst. Das berührt mich sehr.
Ich bleibe noch einen Moment. Dann taucht der Impuls auf, zu meinem Lieblingscafé zu gehen. Ich möchte diesen Prozess erst einmal sacken lassen.
Ich gehe die Straße entlang Richtung Meer. Plötzlich nehme ich neben mir den achtjährigen Jungen wahr. Er schaut mich sogar an und ich spüre, dass er mich gern anfassen möchte. Es fühlt sich fast so real an, als würde jetzt wirklich ein physisches Kind neben mir stehen.
Und es ist nicht irgendein Kind – ich bin das.
So deutlich habe ich das noch nie wahrgenommen.
In meinem Inneren lasse ich mich darauf ein, reiche ihm meine Hand und wir gehen zusammen am Meer entlang. Es fühlt sich etwas ungewohnt, aber auch vertraut und wunderschön an. Mein Herz wird immer weicher und ich fließe über vor Liebe.
Immer wieder schaue ich, als ob ich ihn wirklich sehen könnte. Aber ich kann nichts sehen. Ich fühle diesen Jungen, der ich einmal war, so deutlich. Da braucht es kein Sehen.
Der Junge weicht mir nicht von der Seite. Im Café angekommen, bestelle ich mir einen Cappuccino und sitze am Tisch. Jetzt nehme ich meinen kleinen Begleiter auf meinem Schoß wahr, ganz ruhig und vorsichtig. Nach einiger Zeit fühlt es sich an, als würde er sein Gewicht loslassen und sich bei mir entspannen. Das fühlt sich richtig gut an.
Es ist, als ob wir uns gegenseitig nähren. Dabei bin ich das ja selbst. Ich fühle Wärme und wie dieser Junge sich all die Geborgenheit holt, nach der er sich so sehr gesehnt hat.
Plötzlich verändert sich die Situation. Mein inneres Kind wird lebendiger, es taut immer mehr auf. Ich nehme seine Neugier wahr. Er bewegt sich in der Nähe unseres Tisches und schaut immer wieder zu mir, ob ich auch da bin.
Von der Erstarrung ist fast nichts mehr da. Jetzt möchte er sich sogar im Café umschauen, drinnen und draußen alles erkunden. Dabei schaut er immer wieder, ob ich auch da bin und ihn sehe. Ich merke, wie sich in mir immer mehr Freude ausbreitet.
Jetzt bekomme ich eine konkrete Bitte:
„Können wir zusammen ans Meer gehen?“
Ich willige ein und sage:
„In zehn Minuten geht’s los.“
Ich halte mich an unsere innere Absprache und wir gehen. Das Meer ist schon von Weitem zu sehen und mein kleiner Freund ist kaum noch zu halten. So viel Lebendigkeit und Freude – und immer wieder der Kontrollblick:
„Bin ich noch da und bleibe ich auch?“
In meiner Wahrnehmung rennt mein inneres Kind immer wieder ins Wasser, kommt heraus und läuft gleich wieder hinein.
Dann gehen wir weiter und ein Spielplatz taucht auf. Ich setze mich auf eine Bank und schaue einfach zu. Ich nehme wahr, wie er spielt, schaukelt und immer wieder zu mir schaut. Dann gehen wir zurück zur Wohnung, Hand in Hand.
Ich habe jetzt einen hüpfenden und fröhlichen Jungen bei mir.
Beim Apartment angekommen, nehme ich eine Schaukel wahr und habe den Impuls, selbst zu schaukeln. Leichtigkeit und Dankbarkeit breiten sich in mir aus – dafür, dass ich geblieben bin und diesen Wandel begleitet habe.
Vielleicht erkennst du dich in meiner Geschichte wieder.
Mich würde interessieren, was dieser Text in dir auslöst.
Ich freue mich, wenn du deine Gedanken teilst und mir persönlich schreibst:
hallo@marcoguenther.com

